Elena Ferrante, Elsa Morante, Sibilla Aleramo: Nueva popularidad 2024-08-10 00:54:06

Die Milan Design Week ist ein wichtiger Treff für die Branche, wenn nicht sogar einer der wichtigsten weltweit. Eine Woche lang im April treffen sich in der italienischen Metropole Designer, Möbelhersteller und Modeinteressierte, überall in der Stadt finden Veranstaltungen statt. Es geht dabei um Wohntrends, Kreativität und Cocktailpartys; was dort normalerweise nichts zu suchen hat, ist Literatur. Es kam daher unerwartet, dass die beliebte Modemarke Miu Miu der Designerin Miuccia Prada ausgerechnet in diesem Zusammenhang zu einem literarischen Salon einlud. Genauer gesagt zu einem „Literary Club“, der zwei schon längst verstorbenen italienischen Schriftstellerinnen gewidmet war: Sibilla Aleramo und Alba de Céspedes.

Nun kann man diese ungewöhnliche Einladung als Marotte abtun, als einen Versuch der Modebranche, dem extrovertierten Publikum etwas Überraschendes zu bieten – und was ist überraschender, als zwischen einer coolen Designausstellung und einer szenischen Installation über alte Bücher zu diskutieren? Man kann sie aber auch, und das scheint naheliegender zu sein, als Beleg für einen Trend sehen, der inzwischen die Grenzen der literaturinteressierten Kreise überschritten und die Seiten der „Vogue“ erreicht hat. Dieser Trend könnte so heißen: die Wiederentdeckung italienischer Schriftstellerinnen der Vergangenheit.

Alba de Céspedes und Sibilla Aleramo als Gegenstände des oben genannten Literaturclubabends gehören zu jenen italienischen Autorinnen, die jahrzehntelang kaum oder zu wenig beachtet wurden, aber seit Kurzem ein literarisches Comeback erleben. Vintage-Mode? Nostalgie? Jedenfalls lässt sich das Phänomen nicht nur in Italien, sondern unter anderem auch in Deutschland beobachten: Beim Eisele-Verlag ist vor Kurzem Aleramos berühmtestes Werk, „Eine Frau“, in neuer Übersetzung erschienen. Und der Insel-Verlag hat in den vergangenen Jahren zwei Bücher von de Céspedes herausgebracht. Doch wie kam es dazu?

Ein Meilenstein der feministischen Literatur

Sibilla Aleramo, geboren 1876, veröffentlichte 1906 ihr wichtigstes Buch, eben „Una donna“. Die Protagonistin dieses stark autobiographischen Romans ist eine Art italienische Version von Nora Helmer aus „Nora oder Ein Puppenheim“, mit dem Unterschied, dass der Text nicht von einem so berühmten Dramatiker wie dem Norweger Henrik Ibsen stammt, sondern von einer jungen Schriftstellerdebütantin. Erzählt wird die Geschichte einer Frau, die sich den gesellschaftlichen Normen widersetzt und ihren eigenen Weg geht, auch wenn dies bedeutet, mit den heiligen familiären Verhältnissen zu brechen. Sie erlebt Gewalt, eine unglückliche Ehe, führt einen inneren Kampf zwischen den sozialen Erwartungen und dem Willen, über sich selbst zu bestimmen und ihrem vorgezeichneten Schicksal zu entkommen. Wären da nicht der etwas altertümliche Schreibstil und der historische Kontext, könnte man meinen, das Buch wäre in der Gegenwart geschrieben.

In Italien betrachtet man „Eine Frau“ als einen Meilenstein der feministischen Literatur, einen, der für seine Zeit durchaus modern war: Sibilla Aleramo schrieb das Buch während der ersten Welle der Frauenbewegung, als Italien noch ein armes, von Landwirtschaft und Auswanderung geprägtes Land war. Nach der Veröffentlichung sorgte „Una Donna“ für Aufsehen, doch schon wenige Jahre später geriet es in den Hintergrund. Das ist auch den historischen Ereignissen geschuldet: 1914 begann der Erste Weltkrieg, 1922 kam der Faschismus an die Macht, schließlich brach der Zweite Weltkrieg aus. Sibilla Aleramo starb 1960, in den Siebzigerjahren wurden ihre Werke unter Feministinnen in Italien und anderswo populär, aber es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis man von einer Wiederentdeckung sprechen konnte.

Die Rezeption von Alba de Céspedes, 1911 als Kind einer italienischen Mutter und eines kubanischen Botschafters geboren, ist womöglich noch spezieller. Während des Zweiten Weltkrieges nahm de Céspedes an der Resistenza gegen die deutsche Besatzung teil, insbesondere als Radiomoderatorin. Nach dem Krieg wurde sie wichtiges Mitglied der literarischen Szene in Rom, lernte die wichtigsten Intellektuellen des Landes kennen und widmete sich voll und ganz ihren Büchern. Büchern, die für die damalige Zeit durchaus provozierend waren: In „Aus ihrer Sicht“ (Insel-Verlag, 2023) erzählt die Protagonistin Alessandra von den Ereignissen, die sie zur Ermordung ihres Mannes, eines antifaschistischen Professors, geführt haben. Der Mord wird dabei symbolisch zu einem rebellischen Akt gegen die Isolation der Frau und die Enttäuschungen, die viele Genossinnen nach der Resistenza – eine für Feministinnen hoffnungsvolle Zeit – empfunden hatten. In „Das Verbotene Notizbuch“ (Insel, 2021) führt eine Frau namens Valeria in ihr intimes Leben ein, das sie unscheinbar als Ehefrau und berufstätige Mutter der Mittelschicht führt, und erzählt dabei von ihren Gefühlen, der inneren Suche nach Erfüllung und den Familienverhältnissen, während im Hintergrund die Nachkriegsgesellschaft zwischen Tradition und Modernität schwankt.

Zurück auf der großen Bühne

In den Sechzigerjahren verließ Alba de Céspedes Italien und zog nach Paris – und Italien vergaß sie: Ihre Bücher verschwanden aus den Katalogen, ihr Name blieb nur noch wenigen Literaturkennern ein Begriff. Bis sie durch den Welterfolg von Elena Ferrante auf die große Bühne zurückkehrte.

Ferrante, die Autorin der vierbändigen „Neapolitanischen Saga“, zu der als Auftaktband der Roman „Meine geniale Freundin“ gehört, scheint ein Faible für de Céspedes zu haben. In „Frantumaglia“, einer Sammlung von Essays, Briefen und Interviews, nennt sie de Céspedes’ „Aus ihrer Sicht“ als einen der „Romane der Ermutigung“, die ihr beim Schreiben am meisten geholfen haben. Manch aufmerksamer Leser stolperte wohl über den Namen dieser bis dahin unbekannten ­Autorin und wurde neugierig. Und so kam es, dass innerhalb kürzester Zeit de Céspedes’ wichtigste Werke in Italien, den USA und auch in Deutschland neu aufgelegt wurden. Die 1997 verstorbene Schriftstellerin selbst konnte von diesem späten Erfolg nicht mehr profitieren, aber immerhin ist die italienische Literatur um eine Stimme reicher geworden.

Der weltweite Durchbruch von Elena Ferrante hat aber nicht nur bei de Céspedes eine Rolle gespielt. Die amerikanische Ferrante-Übersetzerin Ann Goldstein, die maßgeblich an dieser Wiederentdeckung beteiligt war, sagte der BBC, dass Ferrantes Popularität dazu beigetragen habe, auch „nach anderen italienischen Schriftstellerinnen zu suchen“. Denn es stimmt, dass Ferrantes Bücher, von denen weltweit mehr als zehn Millionen Exemplare verkauft wurden, mehrere Literaturkritiker im eigenen Land kaltgelassen haben. Doch eines muss man ihr lassen: Ihr unglaublicher Erfolg hat internationales Interesse für italienische ­Autorinnen geweckt. Oder vielleicht sollte man sagen: für die italienische Literatur insgesamt.

Der Ferrante-Effekt

In den letzten drei bis vier Jahren haben Namen wie Elsa Morante (1912 bis 1985), Natalia Ginzburg (1916 bis 1991) oder wie Goliarda Sapienza (1924 bis 1996) im Ausland an Bedeutung gewonnen. So hat der Aufbau-Verlag 2022 Sapienzas „Die Kunst der Freude“ übersetzt, Ginzburg und Morante sind wichtige Autorinnen im Programm des Wagenbach-Verlags, bei dem vor Kurzem Morantes berühmtestes Werk, „La Storia“, in neuer Übersetzung erschienen ist. In Italien selbst wird zwischenzeitlich vergessenen Schriftstellerinnen wie Anna Banti (1895 bis 1985), Fausta Cialente (1898 bis 1994) oder Fabrizia Ramondino (1936 bis 2008) wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt, indem man ihre Werke neu veröffentlicht oder ihnen Veranstaltungen widmet.

Der Ferrante-Effekt allein kann jedoch nicht das ganze Phänomen erklären, vielmehr muss er als eine Art Anstoß betrachtet werden. Denn es gibt auch andere Gründe: die Aktualität dieser Autorinnen, obwohl sie ihre Bücher vor Jahrzehnten geschrieben haben, der international populäre Realismus (à la Sally Rooney und Rachel Cusk) oder etwa der Trend zur Autofiktion mit sozialem Charakter (Annie Ernaux), der von vielen Schriftstellerinnen vorbereitet wurde. Und dann ist da noch das Interesse eines Publikums, das sich zunehmend für weibliche Perspektiven und Themen interessiert. Die Tatsache, dass Italien Ehrengast der nächsten Frankfurter Buchmesse sein wird, spielt zumindest in Deutschland auch eine Rolle.

Man fragt sich nur, warum diese Autorinnen, die heute in den Programmen von renommierten italienischen und ausländischen Verlagen erscheinen, jahrzehntelang vergessen wurden. Hat das doch ­etwas mit der Qualität ihrer Werke zu tun? Eher nicht. Und sowieso ist der Begriff „Qualität“ hier irreführend: Die Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert erklärt in ihrem Buch „FrauenLiteratur – Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“, dass Qualität allein sich niemals zwangsläufig durchsetze, zumindest nicht im Literatur- und Kulturbetrieb. Bei der Zusammenstellung von Programmen aller Art gehe es immer um Verkäuflichkeit, diese wiederum setze sich aus literarischen und außerliterarischen Faktoren zusammen. „Geschlechtsspezifische Vorannahmen spielen dabei nachweislich eine bedeutende Rolle“, schreibt sie. Das „Qualitätsargument“ habe deshalb einen Haken, wenn es darum geht, die mangelnde Diversität in der Literaturgeschichte zu erklären.

Nur eine kurzlebige Modeerscheinung?

Die Motive für die aktuelle Wiederentdeckungswelle scheinen eher andere zu sein: Zum einen war die damalige Zeit für gesellschaftskritische Werke nicht reif genug, zum anderen gab es einen männlich dominierten Kulturbetrieb, in dem Frauen der Trivialliteratur und des schlechten Geschmacks verdächtigt wurden. Dies hat sich nun geändert, zumindest teilweise: Das Interesse an weib­lichen Stimmen steigt, der Zeitgeist belohnt persönliche und autonarrative Texte, die traditionell häufig von Frauen geschrieben werden, außerdem haben die Verlage das Potential entdeckt, das in der Geschichte der Literatur steckt. Mit anderen Worten: Um vielversprechende Bücher zu finden, lohnt es sich, in der Vergangenheit zu suchen – und Suchen, das muss man auch sagen, ist manchmal billiger und bequemer, als neue junge Stimmen zu fördern.

Wird die italienische Literatur also nun von Autorinnen dominiert? Ganz sicher nicht. Unter den Übersetzungen ins Deutsche der letzten Jahre finden sich natürlich auch männliche Namen wie Paolo Giordano, Gianrico Carofiglio, Paolo Cognetti und Roberto Saviano, um nur einige Beispiele aus der Gegenwartsliteratur zu nennen. Offensichtlich ist aber, dass weibliche Autorinnen der Vergangenheit unter einem guten Stern stehen. Ob es sich dabei um eine kurzlebige Modeerscheinung handelt oder ob es ihnen gelingen wird, Teil des literarischen Kanons zu werden, das wird sich zeigen. Eines hat diese Wiederentdeckung allerdings schon jetzt gezeigt: Die Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts war in der Realität keineswegs so männlich, wie es die Schulbücher suggerieren.

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